Interview mit Dr. med. Beckers

Unser Experte rund ums Thema Hallux valgusDr. med. Albert Beckers, Facharzt für Orthopädie, Akupunktur, Sportmedizin und Chirotherapie. Und Ihr Experte für Hallux valgus. Sein Therapieschwerpunkt liegt auf der Behandlung akuter und chronischer Schmerzen. Seit mehr als zwölf Jahren beschäftigt er sich mit Fußproblemen und deren Versorgung mit speziellen sensomotorischen Einlegesohlen. Der konservative und biologische Therapiensatz steht im Mittelpunkt, weniger der chirurgische Eingriff.

Neben der Tätigkeit als Facharzt in seiner Privatpraxis war er Mannschaftsarzt des Eishockey-Teams der Kölner Haie und hält regelmäßig Vorlesungen an der Medizinischen Fakultät der Uni Köln zum Thema Rückenschmerzen.

Auf www.hallux.info widmet er sich ausschließlich Ihren Anliegen rund ums Thema Hallux valgus. Hier die meist gestellten Fragen unserer Leser an unseren Experten.


Herr Dr. Beckers, unsere Füße stellen häufig immer noch einen vernachlässigten Teil unseres Bewegungsapparates dar. Welche Signale sollte man ernst nehmen, um einen Hallux valgus rechtzeitig zu erkennen?

Dr. med. Beckers Stimmt! Die Füße sind im Schuh gut versteckt, sodass mögliche Probleme oft jahrelang vor sich hin schlummern. Wir sehen sie als selbstverständlich an – solange alles funktioniert.
Schmerz und oder Ästhetik stehen beim Hallux valgus-Patienten im Vordergrund. Je früher man das wahrnimmt und den Hallux behandeln lässt, desto besser. Denn zu Beginn ist die Fehlstellung noch reponibel, die Großzehe also in ihre korrekte Position zurückzuführen. Hat der Zeh erst einmal begonnen sich nach außen zu biegen, nehmen die Sehnen eine Abkürzung und die Fehlstellung wird fortwährend negativ gefördert. Weitere Signale für eine beginnende Hallux Deformität sind begleitende Zehenfehlstellungen wie Krallenzehen oder Hammerzehen. Gerne legt sich der kleinste Zeh unter oder über die anderen, lange bevor die Großzehe ihre Achse verlässt. Starke Hornhaut und Rötungen, sowie Schwellungen am inneren Fußrand über dem Großzehengrundgelenk sind ernst zu nehmende Anzeichen für einen Hallux valgus.

Viele Menschen denken, Hallux valgus sei ein Problem von dem ausschließlich ältere Menschen betroffen sind – stimmt das?

Dr. med. Beckers Das würde ich so nicht stehen lassen. Es gibt auch viele junge Betroffene im Alter von 15 bis 30 Jahren – der Hallux valgus ist in ihren Fällen überwiegend geerbt. Ab Mitte 50 aufwärts zeigt sich typischerweise der erworbene Hallux valgus. Erfahrungsgemäß stellen Frauen ab dieser Altersstufe die größte Gruppe der Betroffenen. Häufigster Grund hier: allzu modisches, falsches Schuhwerk. Aber auch einseitige Belastung mit mangelnder Bewegung oder starkem Übergewicht stellen Risikofaktoren dar.

Mit welchen Symptomen kommen Hallux valgus Patienten in der Regel in Ihre Praxis?

Dr. med. Beckers Viele beklagen das furchtbare Aussehen ihres Fußes, insbesondere zu Beginn der schönen Jahreszeit. Oft sind es die Mütter, die sich sorgen, dass ihre Töchter dieselben Fußprobleme bekommen wie sie selbst. Andere kommen wegen zunehmender Beschwerden, meist im höheren Alter. Die Deformität ist dabei häufig schon lange bekannt, der Hallux valgus aber bis dato beschwerdefrei. Nicht selten sind ein Wechsel der Schuhmarke, neue noch nicht eingelaufene Schuhe oder eine Feier in Verbindung mit langem Stehen oder Tanzen Grund zur erstmaligen Vorstellung beim Spezialisten.

Nach welcher Methode diagnostizieren Sie einen Hallux valgus?

Dr. med. Beckers Die einfachste Methode ist die Blick-Diagnose des Fußes und des getragenen Schuhwerks. In Form von Rötungen, Schwellungen und übersteigerter Hornhautbildung zeigen Fuß und Schuh, wo es drückt. Darüber hinaus sind in der Diagnostik das Betasten und die Funktionsprüfung für den Fußexperten wegweisend. Mithilfe von Fußabdrücken wird das Abrollverhalten verifiziert. Die Abdrücke erfolgen sowohl im Stehen als auch im Gehen, um die statische und die dynamische Belastung zu prüfen. Ergänzend wird mittels Laufbandanalyse das detaillierte Abrollen des Fußes in Zeitlupe untersucht. Nur in Ausnahmefällen werden Röntgenaufnahmen zur weiteren Beurteilung angeordnet.

Was bedeutet ein Hallux valgus für Ihre Patienten?

Dr. med. Beckers Je nach Grad der Ausprägung wird der eigene Fuß als deformiert angesehen. Das kann soweit führen, dass öffentliches Baden oder das Tragen von offenem Schuhwerk vermieden wird, auch wenn die Funktion noch ohne körperliche Beschwerden möglich ist. Mit steigendem Schmerz spannt die Situation weiter an. Ausflüge werden abgesagt – zu groß ist die Scham beim Spaziergang zu langsam zu sein. Die für einen aktiven Tag wichtigen Schlafphasen werden durch den nächtlichen Ruheschmerz verkürzt. Auch die Schuhsuche wird mit zunehmender Fehlstellung der Großzehe zur steigenden Herausforderung. Oft kommen Patienten mit ausgelatschten Schuhen in meine Praxis – nicht weil das Geld fehlt, sondern weil sie keinen passenden Bequemschuh finden. In Herbst und Winter erfahrungsgemäß übrigens ein noch größeres Problem, da die Schuhe für die wärmere Jahreszeit fester und weniger flexibel sind.

Es ist bekannt, dass es bei Völkern, die viel barfuß laufen, kaum zu derartigen Veränderungen am Großzehenballen kommt. Nun ist Barfußlaufen aber keine dauerhafte Option für uns. Können wir mit unserem Schuhwerk einem Hallux valgus vorbeugen?

Dr. med. Beckers Richtig! Barfußlaufen ist sicher keine Option in unseren Breitengraden. Und nicht nur wegen des Wetters, denn generell gilt: Hat der Fuß nichts zu greifen, tritt er sich immer mehr in Richtung Senk- und Spreizfuss. So sehen wir bei Naturvölkern wohl weniger den Hallux valgus, dafür aber umso mehr Plattfüße. Gut sind weiche Teppiche mit hohem Flor oder Sisalteppiche, weiche Erde, Rasen oder Sand, Untergründe die das Fußgewölbe in der Länge und in der Breite kräftigen. Bei der Schuhauswahl gilt: Füße brauchen Platz. Ist der Vorfußbereich zu eng, stapeln sich die Zehen aus lauter Platznot förmlich übereinander und es entstehen die gefürchteten Vorfußdeformitäten. Allerdings sollte der Schuh vorne auch nicht zu breit sein, da er sonst den Vorschub einer Hallux valgus- und Spreizfußbildung begünstigt. Was der Fuß braucht ist eine sanfte seitliche Führung. Ähnlich einem Kuchenteig, der ohne Kuchenform im Ofen in alle Richtungen fließen würde.

Ab wann empfehlen Sie Ihren Patienten eine OP?

Dr. med. Beckers Die Empfehlung zur OP wird dann ausgesprochen, wenn alle konservativen Maßnahmen nicht zum Erfolg geführt haben. Kommt der Patient rechtzeitig, muss erfahrungsgemäß selten zu dieser unwiderruflichen Maßnahme gegriffen werden.


Sie haben auch eine Frage, die Sie unserem Experten stellen möchten? Gerne beantwortet Dr. med. Beckers Ihre Fragen rund ums Thema Hallux valgus.

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